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Warten

Sie lächelte still in sich hinein – versunken in der Erinnerung an Samstagnacht. Sie kannte ihn seit mehreren Jahren, auch wenn sie sich nur dann und wann auf einer Party begegnet waren. Letztes Jahr war ihr das erste Mal aufgefallen, dass sie auf dieses ganz bestimmte Lächeln von ihm wartete. Jenes, wenn er sie auf eine andere Art ansah, als er es bei anderen Frauen tat und bei dem sie sich jedes Mal unwillkürlich fragte, ob es vielleicht doch mehr bedeuten könnte, als rein freundschaftliches Flirten und Necken. Sie überlegte, wann sie das erste Mal den Gedanken gehabt hatte, dass sie den einen oder anderen derben Spruch von ihm in Realität verwandeln wollen würde und konnte sich nicht daran erinnern. Wenn damals ihre Fantasie drohte zu sehr mit ihr durch zu gehen, dachte sie selbstironisch „Hormone!“ und schalt sich ob ihrer Gedanken, die sich ohne jegliches Zutun doch immer wieder in ihren Kopf schlichen. Dabei brachte er doch die gleichen Sprüche auch bei den anderen Frauen – oder nicht? Und war dieses gewisse Glitzern in seinen Augen nicht vielleicht doch lediglich Anerkennung für besonders gelungene Kontersprüche, mit denen sie regelmäßig auch gestandenen Männern die Röte ins Gesicht trieb? Und sucht er sich bewusst öfter mal den Platz neben ihr aus oder geschah dies völlig ohne Hintergedanken? Wie hätte sie das auch rausfinden sollen? Wenn man im Pulk und gut angetrunken zusammen an einem Tisch sitzt oder gerade draußen ‘ne Raucherpause macht? Seit man in den meisten Kneipen nicht mehr drinnen rauchen durfte, war es um einiges schwieriger geworden sich abzusondern. Immer wenn man Anstalten machte eine rauchen zu gehen, sprang gleich der halbe Tisch mit auf. Und Übelkeit vorzutäuschen, damit er vielleicht mit ihr draußen bleiben würde, war unter ihrer Würde. Sich etwas mehr betrunken zu geben, als sie wirklich war und sich dann mal an ihm festzuhalten oder sich kurz gegen ihn zu lehnen, war das Höchste, was sie sich erlaubt hatte und er hatte sie gewähren lassen, aber das hatte ja nun auch wieder nichts zu bedeuten.

„Du bist halt so ein Kumpeltyp.“, hatte sie nicht nur einmal gehört.

Einer (der ihr gerade erzählt hatte, dass er sich nicht in sie, sondern in ihre Schwester verliebt hatte) hatte diese Aussage noch genauer definiert: „Du bist so ein Typ Frau, mit dem man sich unterhalten kann ohne gleich an Sex zu denken.“ – sie wusste nicht, ob sie sich über dieses durchaus ernst gemeinte Kompliment ihres Bekannten freuen sollte oder nicht. Klar legte sie Wert darauf nicht nur als Objekt betrachtet zu werden, aber sie würde auch lieber diese gewisse Mischung aus smart & sexy hinkriegen wollen.

Es gab nur drei Kategorien Männer, die sie vehement und sehr zu ihrem Leidwesen anzog. Typ 1: Die Ficker, die alles mit Titten in das nächste Bett oder auf die nächste öffentliche Toilette zehrten. Typ 2: Die Psychos, die sich sofort unsterblich in sie verliebten, nur weil sie ihnen fünf Minuten ein offenes Ohr geschenkt hatte. Und Typ 3: Die Junggebliebenen, die vor zwanzig bis dreißig Jahren mal in Kategorie 1 gehört hatten und nicht akzeptieren konnten, dass ihnen die jugendliche Leichtigkeit des Seins schon lange nicht mehr so recht stehen wollte. Bei allen anderen blieb sie halt die, mit der man Pferde stehlen konnte und die fast jeden frivol-verbalen Schlagabtausch gewann.

Sie hatte schon als Jugendliche festgestellt, dass Männer zwar gerne große Töne spuckten – so nach dem Motto: „Ey, ich hab der und der meinen Schwanz in das und das Loch gesteckt!“ und dann grölen alle anerkennend – aber für detaillierten Beschreibungen, die über „Boah, war die geil/hatte die große Möpse/war ihr Loch eng/konnte die geil blasen!“ hinausgehen, schien ein Rudel Männer keinen ausreichend großen, gemeinsamen Wortschatz zu haben. Sie konnte sich noch zu gut an das Gesicht ihres besten Freundes erinnern, als sie ihn das erste Mal zu ‘nem typischen Mädels-Abend mitgenommen hatte. Erst war ihm die Kinnlade runter geklappt, gepaart mit einem ungläubigen Blick, der sich in  dem Moment in Entsetzen verwandelte, als ihm aufging, dass seine Freundin, ziemlich wahrscheinlich, die gleichen intimen Details über deren Sexualleben vor ihren Freundinnen enthüllen würde.

Das Wissen darüber, dass die meisten Männer doch nicht so freizügig sind, wie sie gerne von sich glauben würden und ein untrüglicher Sinn für die richtige Strategie und Wortwahl hatte ihr bis heute den einen oder anderen Vorteil gesichert, wenn mal wieder ein Mann meinte, sich vor seinen Kumpels mit eindeutig-zweideutigen Sprüchen profilieren zu wollen. Sie alle waren danach mit eingeklemmten Schwanz und angeknacksten Stolz ihre Wunden lecken gegangen. Problematisch wurde es erst dann, wenn sie jemanden mochte. Sie wusste einfach nicht, wie man es hinbekam, dass man gleichzeitig cool und sexy, aber eben auch einfühlsam und sinnlich wirkte. Wenn klar war, dass es nur um Sex gehen würde, wusste sie welche Knöpfe sie drücken musste, aber sobald sie unsicher wurde, ob sie nicht doch mehr für denjenigen empfinden könnte, war es aus mit ihrer Coolness und sie verwandelte sich in ein hirnloses Mäuschen – Gott, wie sich selbst dafür hasste! Den Abend allerdings war es noch nicht soweit gewesen. Sie war cool, locker und selbstbewusst und hatte ‘ne Menge Spaß. Allerdings unternahm P wieder keinen eindeutigen Versuch, sich mit ihr abzusondern. Außerdem war da noch Heiko – ihr ehemaliger Abteilungsleiter aus einer Cateringfirma, bei der sie mal ‘ne Weile gejobbt hatte, sowie Kumpel und - mittlerweile auch - Abteilungsleiter von P.

Heiko war immer mit von der Partie und hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht P davon abzuhalten alleine Spaß zu haben. Er hielt stur an dem irgendwann mal im Vollrausch geschlossenen Pakt fest, dass sie mal zusammen eine Frau ficken würden, auch wenn sein Aussehen dies niemals Realität werden lassen würde, außer er würde dafür bezahlen. Heiko gehört aber leider zu den Menschen, die anderen ihren Stich nicht gönnten, wenn klar war, dass er selbst keinen landen würde – umso überraschter war sie gewesen, als er ankündigte, dass er nach diesem Joint abhauen würde. Zu dem Zeitpunkt war aus einer Nackenmassage schon mehr oder minder heimliches Fummeln mit P geworden. Sie hatte noch nicht mal auf den sorgfältig zu Recht gelegten Spruch zurückgreifen müssen, mit dem sie ursprünglich seine Absichten abklopfen wollte…

Eigentlich war sie gerade dabei gewesen die Party zu verlassen, weil P schon eine ganze Weile verschwunden war und die übrige Auswahl nicht gerade Lust auf einen spontanen one-night-stand machte, als sie das Licht in der Garage entdeckte. Neugierig wie sie ist, war sie nach einem kurzen vorsichtigen Blick um die Ecke einfach zur Tür hereinspaziert und hatte Heikos pantomimische Meisterleistung mit der Bedeutung: „Verpiss dich!!!“  mit einem leicht hämischen: „Stör ich?!“ gekontert, da sie Ps Stimme aus dem Nebenraum hörte. Danach hatte sie es sich auf der Hollywoodschaukel bequem gemacht, um dem Impro-Theater seinen Lauf zu lassen. Da kamen auch schon P und eine Mieze mit schlecht überschminkter Akne und in weißen (!!!) Stiefeln herein – Gott, wie verzweifelt musste Heiko eigentlich sein?! Mit einem (sensationell gut geschauspielerten) peinlich-berührten: „Soll ich später wieder kommen?“, das niemand, aber auch wirklich niemand mit einem „Ja!“ beantworten würde, der gerade versucht eine Schnalle abzuschleppen, sicherte sie sich den Abgang ihrer Konkurrentin, die ja „eh gerade wieder nach oben gehen“ wollte.

P schien sogar erleichtert zu sein und fläzte sich neben sie auf die Hollywoodschaukel. Als er sich gerade auf seinem linken Ellenbogen aufstützen wollte, verzog er schmerzhaft das Gesicht und murmelte irgendwas von: „… letzte Nacht irgendwie verlegen..“ Die Vorlage ließ sie sich nicht entgehen und bot ihm eine semi-professionelle Schulter- und Nackenmassage an, die er wiederum dankbar annahm. Gott sei Dank ist es ja allgemein bekannt, dass man besser massieren kann, wenn keine störende Kleidungsschicht dazwischen ist und so kam sie in den Genuss seine muskulösen Schultern aus nächster Nähe bewundern zu dürfen. Nebenbei wies sie Heiko verbal in seine Schranken, der sie nun offensichtlich als Ersatz für die eben abgedampfte Ficke auserkoren hatte. Unfassbar, dass er immer noch nicht kapiert hatte, dass sie sich nicht für seinen erhofften Dreier zur Verfügung stellen würde, dabei hatte sie ihm schon vor einem Jahr deutlich gesagt, dass sie sich nicht zu einer Drei-Loch-Stute degradieren lassen würde.

Da sie und P die Hollywoodschaukel in Beschlag nahmen, lungerte Heiko an der Werkbank rum. Als sie sich mal wieder vor lauter Lachen an Ps Rücken lehnte (weil sie dabei ganz nebenbei ihre Brüste an seinen Rücken pressen konnte), drehte dieser sich halb herum und verharrte so dicht mit seinem Gesicht vor dem ihrem, dass ihre Münder nur noch Millimeter voneinander entfernt waren und sah ihr provozierend in die Augen. Wäre Heiko nicht dagewesen, hätte sie ihn in diesem Augenblick mit Haut und Haaren gefressen, aber dieser machte sich natürlich genau in diesem Augenblick wieder bemerkbar. Da er aber gerade mit dem Rücken zu ihnen stand, sah er nicht, wie sie Ps Lippen mit den ihren streifte, während sie ihn zum gerade sitzen aufforderte, damit sie ihn weiter massieren könne, nur um ihn dann flüchtig zwischen die Schulterblätter zu küssen. Naja, und von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu wilden Küssen und verstohlenem Fummeln gewesen, sobald Heiko ihnen den Rücken zu kehrte…

Als P mit deutlich sichtbarer Beule in der Hose nochmal kurz zum Klo verschwand, schien Heiko endlich kapiert zu haben, dass die Party ohne ihn steigen würde und zog schmollend ab. Das war die Gelegenheit – schnell entledigte sie sich ihres Slips und drapierte sich in einer betont lässigen Pose auf die Hollywoodschaukel. Leider fiel ihr sofort auf, wie bemüht das aussehen würde und während sie verschiedene Positionen durchprobierte, überlegte sie fieberhaft wo die Kippenschachtel mittlerweile gelandet sein könnte. P kam in dem Augenblick herein, in welchem sie diese gerade entdeckt hatte und sich triumphierend auf sie stürzte. Jede Frau kennt diese Situation, in denen man noch schnell die Schminkreste unter den Augen in smokey eyes verwandelt/die Haare zu einer sexy Mähne verwuschelt/mit vorgehaltener Hand den Atem oder aber die Zuverlässigkeit des Deo-Sprays kontrolliert und dann versucht diese wenig erotisch anmutende Geste in eine möglichst grazile und vorteilhafte Pose oder Bewegung umzumünzen… Gleiches versuchte sie nun mit dem Hechtsprung Richtung Kippenschachtel, lies ihn aber vorsichtshalber ein wenig länger als unbedingt nötig ihren Hintern betrachten, während sie nach der Schachtel angelte. Sie zündete erst ihm und dann sich selbst eine Zigarette an und machte es sich dann wieder auf der Schaukel bequem. Nebenbei wies sie ihn genauestens an, wie er ihren Drink mixen sollte, während sie fieberhaft überlegte, wie sie diesen Moment überbrücken und an der Stelle weitermachen könnten, an der sie vorher aufgehört hatten. In diesem Moment kam P mit den fertigen Drinks rüber und fragte sie auf den Cocktail bezogen, ob sie eigentlich auch mal das Ruder aus der Hand geben würde, was sie mit einem durchaus ernstgemeinten „Nein!“ quittierte, während sie die eben erst angesteckte Zigarette im Aschenbecher ausdrückte.

Dann nahm sie ihm die beiden Gläser aus seiner Hand, stellte sie auf dem Tisch, nahm die Zigarette aus seinem Mundwinkel, schnipste sie aus dem Fenster und zog seinen Kopf unterdessen mit der anderen Hand zu sich…

 

An dieser Stelle merkte sie, dass die in einsamen Nächten erprobten und bewährten Handgriffe diesmal nicht funktionierten. Die taktlose Stille, die von ihrem Handy ausging, dröhnte in ihren Ohren, während sie verzweifelt versuchte das Bild in ihrem Kopf festzuhalten – erfolglos… Genauso erfolglos, wie sie seit Tagen immer wieder versuchte sich selbst davon zu überzeugen, dass sie nicht auf seinen Anruf warten würde, während sie gleichzeitig Staub wischte (das erste Mal seit ihre Mutter vor ein paar Monaten zu Besuch gewesen war), ihren Herd von innen saubermachte (das erste Mal seit über einem Jahr) und die Türen ihrer Duschkabine putzte (das erste Mal seit ihrem Einzug) und dabei überrascht feststellte, dass diese gar nicht aus Milchglas bestanden.

Wie hatte es eigentlich soweit kommen können? Ihr Plan war lediglich gewesen, dass sie den Abend ein bisschen Spaß miteinander haben würden und sie bei Gefallen ja noch das ein oder andere Mal auf ihn zurückgreifen könne, falls sie sich mal wieder über den Weg laufen würden – und dann hatte er sie nach dem Sex gefragt, ob er ihre Nummer haben könne und ob sie etwas dagegen hätte, wenn er mal langkommen würde, um das hier zu wiederholen und sie war einverstanden gewesen.

Seitdem wanderte sie durch ihre Wohnung und überlegte, wo und wie sie es überall mit ihm treiben würde, sobald er durch die Tür käme. Oder sollte sie lieber sagen, FALLS er durch diese Tür käme? So cool, wie sie dachte, war sie nämlich scheinbar dann doch nicht. Das Problem war auch gar nicht, wann, sondern OB er anrufen würde… Da konnte sie sich zigmal vorhalten, dass ER ja nach IHRER Nummer gefragt hatte, denn genauso oft fiel ihr ein, dass er ihr nicht im Gegenzug seine Nummer gegeben hatte. Die eingeübte Coolness hatte verhindert, dass sie ihn danach fragen konnte und erst recht, dass sie ihn darum bitten hätte können, dass er auch Bescheid sagen solle, wenn er sich dagegen entscheiden würde. Nun saß sie seit Tagen, wie auf Kohlen und fragte sich, warum sie ihm überhaupt die Nummer gegeben hatte. In vergleichbaren Situationen hatte sie höflich, aber bestimmt: „Nein.“ gesagt oder aber bei besserem Sex den Typen ein Nein-aber-wenn-wir-uns-wiedersehen-können-wir-es-gerne-nochmal-treiben angeboten. Bei P hatte sie gegen eins ihrer fundamentalsten Prinzipien verstoßen und ihn zu sich nach Hause eingeladen und sie wusste nicht, ob das nun wirklich nur an dem fürs-erste-Mal-verdammt-guten Sex lag, den sie miteinander gehabt hatten. Zwischenzeitlich redete sie sich selbst ein, dass er sie nur in einem sentimentalen, hormongesteuerten, sprich ungünstigen Moment erwischt hatte (es war genau der Moment, in dem man noch dem eben Erlebten nachhängt und sich noch nicht nach seiner Unterwäsche umguckt) aber gleichzeitig wusste sie, dass sie sich damit nur selbst anlog. Ebenso wusste sie aber auch, dass sie bis zu dem Zeitpunkt seiner Frage nicht ein Quäntchen in ihn verliebt gewesen war. Sie mochte ihn, weil man sich mit ihm gut unterhalten konnte, wenn man mal ‘ne ruhige Minute mit ihm fand und sie fand ihn sexuell anziehend, aber verliebt war sie definitiv nicht. Wäre sie es gewesen, wäre sie nämlich schnurstracks zu einer schüchternen Zwölfjährigen mutiert und die hätte ihm garantiert nicht die Hand in die Hose gesteckt. Wie auch immer – ganz sicher war, dass sie sich gefreut hatte, als er ihr beim Abschied nochmal zuflüsterte, dass er sich melden würde und ihre Hand gedrückt hatte.

 

Sogar die obligatorische Falls-du-wieder-kommst-gibt-es-da-ein-paar-grundsätzliche-Dinge-zu-regeln-Rede hatte sie in ihrem Kopf schon vorbereitet. Sie hatte einmal erlebt, wie ein Typ nach dem zweiten Date und ohne jemals mit ihr Sex gehabt zu haben, seiner Mutter am Telefon erzählte, dass seine „neue Freundin gerade da ist und sie nachher noch etwas miteinander unternehmen wollen, sie aber gerne morgen bestimmt gerne zu einer Tasse Kaffee rüberkommen würden“. Seitdem war sie eindeutig für eine klare Absprache am Ende des zweiten Treffens - damit unkomplizierte Dinge unkompliziert bleiben konnten und man insgesamt schon mal grob die Vorstellungen des Gegenübers ausloten konnte. Sie wollte den Männern auch später noch in die Augen gucken können und wenn sich peinliche Situationen a la „Nein, ich möchte dich nicht anpinkeln!“ irgendwie vermeiden ließen, dann war sie wirklich dankbar dafür. Und nun, wo sie P mit der Einladung zu sich nach Hause näher an sich rangelassen hatte, als irgendeinen anderen Typen in den letzten vier Jahren, legte sie besonders viel Wert darauf, dass sie überhaupt die Möglichkeit zu diesem Gespräch bekommen würde.

 

Vielleicht war das ja doch nur die beginnende Torschuss-Panik, die ihr ihre Freunde in Anbetracht des Klassentreffens nächstes Jahr vorausgesagt hatten? Aber nur weil sie grade dank ihres Wechsels von StudiVZ zu Facebook rausgefunden hatte, wie viele ihrer ehemaligen Schulkameraden schon verlobt, verheiratet oder zumindest in einer langjährigen Beziehung waren, bedeutete das doch noch lange nicht, dass sie jetzt auch unbedingt einen Freund haben wollte. Sie war schon immer lieber ein überzeugter Single gewesen, anstatt sich von einem mittelmäßigen Typen zum nächsten zu hangeln, nur um nicht Beziehungsstatus „Single“ in diversen online-Foren angeben zu müssen. Außerdem konnte man auch so Spaß haben und manchmal hatte sie den Eindruck, dass sie öfter Sex hatte, als ihre Freundinnen, die in festen Händen waren, obwohl sie nicht gerade ständig auf Männerfang ging; halt nur dann, wenn ihr der Orgasmus den sie sich mit ihren Händen und dem Vibrator verschaffte nicht die gewünschte Befriedigung mit sich brachte. Seitdem sie mit P Sex gehabt hatte, war das allerdings der Normalzustand geworden. Die ersten zwei Tage war alles wie immer, am dritten, vierten und fünften Tag hatte sie zwar noch einen Orgasmus, aber gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie lieber P in sich gespürt hätte und heute dann hatte alles nix mehr geholfen. Nun lag der Vibrator vorwurfsvoll neben ihr und sie fing an sich für sich selbst zu schämen. Blöder Arsch, der!!! Dabei wusste sie genau, dass die Cateringfirma in der Saison alle Hände voll zu tun hatte. Wieso wurmte es sie dann so sehr, dass er sich partout nicht meldete? Den Zettel mit der Nummer konnte er zwar verloren haben, aber dafür, dass das eine gute Ausrede hätte sein können, hatten sie zu viele gemeinsame Bekannte. Wie gesagt, hatte sie ja mal bei der gleichen Firma gearbeitet und war noch mit dem ein oder anderen befreundet. Und auch wenn sie sich beide einig waren, dass sie kein Bock auf Gerede haben, wäre es ein Leichtes irgendeine Ausrede zu finden, um ihre Nummer zu kriegen.

 

War eine kurze SMS zu viel verlangt? Nur so eine Bestätigung, dass er ihre Nummer eingespeichert hat und sich bei ihr melden wird, sobald sein Arbeitsplan das zulässt. Oder musste sie sich mit dem geflüsterten Versprechen zum Abschied begnügen? Würde er sich nur bei ihr melden, wenn er mal wieder dicke Eier hätte und gerade zufällig in der Nähe wäre oder dachte er auch gerade an sie – vielleicht sogar ohne dabei seinen Penis in der Hand zu halten? Heute - an Tag sechs - war sie schon bereit gewesen ihn zu verteufeln, aber dann war ihr eingefallen, dass er erwähnt hatte, dass er in Berlin wohne und da sie peinlicherweise schon an Tag zwei Tante Google gefragt hatte, wusste sie, dass die Aufträge der Cateringfirma in dieser Saison nicht mehr näher als knappe anderthalb Stunden von ihr entfernt lagen. Beides muss ihm bewusst gewesen sein, als er nach ihrer Nummer fragte und trotzdem wollte er sie besuchen kommen.

 

Alles Grübeln half nix… Ihre Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis und sie würde erst dann Gewissheit haben, wenn sie ihn das nächste Mal wieder sah. ‚Wann das wohl sein würde? – Ach, Schluss jetzt!!‘ Sie beschloss nochmal Duschen zu gehen, da sie grade eh nicht mehr schlafen konnte. Sie drehte das Wasser so heiß auf, dass es grad so noch erträglich war und ließ das Wasser die nächsten Minuten einfach nur über sich  fließen, bis es alle unangenehmen Gedanken und Selbstzweifel weggespült hatte.

 

Als sie sich gerade mit dem Duschkopf selbst befriedigte, überhörte sie das Klingeln ihres Handys, als ein „unbekannter Teilnehmer“ versuchte sie anzurufen…

20.8.11 19:12
 


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