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Hier bin ich - ich bin Hier

Ich habe bis vor kurzem (Herbst 2013) Öffentliche Verwaltung für den gehobenen Dienst (welcher nicht mehr so heißt, aber wer weiß schon was mit Laufbahngruppe und Einstiegsamt anzufangen) studiert und nachdem ich bei dem ersten Versuch, meine Bachelorarbeit zu schreiben, völlig zusammengebrochen bin, habe ich vor einer Woche den zweiten Versuch abgebrochen und mich damit gegen die Beendigung des Studiums entschieden. Dies ist die E-mail, die ich meiner Mutter geschrieben habe:

 

 

Hey Mom,

ich schreibe dir dies, weil ich nicht weiß, ob ich bei einem Telefonat das gesagt bekomme, was ich möchte oder du in dem Augenblick, in dem ich mich dazu entschließe anzurufen, überhaupt die Zeit und den Sinn dafür hast, mir zuzuhören.

Ich werde mein Studium nicht beenden. Ich weiß, dass das völlig unlogisch erscheint so kurz vorm Abschluss, aber jetzt habe ich die Kraft aufzuhören und die Möglichkeit dazu. Ich glaube, mit dem Abschluss in der Tasche und einem Jobangebot im Briefkasten könnte ich die Entscheidung nicht mehr treffen. Ich will mich aber nicht den Erwartungen der Welt beugen müssen und es fällt mir (aufgrund der Verantwortung gegenüber Fine) so schon schwer genug meinen Bauch überhaupt zu und gar erst auf ihn zu hören, weil der Kopf in einer Tour rumbrüllt.

 

Ich weiß nicht, ob du meine Beweggründe verstehen wirst, aber ich will dir zumindest die Chance dazu geben und dich damit wieder ein Stück mehr in mein Leben lassen, denn deine Worte bei einem unserer Telefonate und meine Reaktion darauf waren es letztendlich, die mir die Gelegenheit dazu gegeben haben, diese Möglichkeit (Abbruch des Studiums) überhaupt in Betracht zu ziehen. Du wirst dich noch daran erinnern können, als du mich vor ein paar Wochen gefragt hast, ob ich schon mal darüber nachgedacht habe, ob meine Schreibblockade vielleicht daher rühren könnte, dass ich das alles gar nicht will, und ich habe dich angebrüllt, dass du aufhören sollst und dann aufgelegt. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt diesen Gedanken nicht zulassen, weil ich dieses Studium doch wegen meines Kindes angefangen habe und ein Aufgeben bedeutet hätte, dass ich auch als Mutter versagt habe. Vielleicht verstehst du, wie kein anderer, wie es ist, wenn man Entscheidungen aus der Verantwortung einem anderen gegenüber trifft und den Weg weiterstolpert, auf den man irgendwie geraten ist. Du hast dir erst mit Mitte/Ende Dreißig eingestehen können, dass du so nicht weiter machen kannst und deinen eigenen Weg gehen musst. Vielleicht war dein Zusammenbruch damals nötig, um mich vor selbigem in meiner Zukunft zu bewahren.

 

Auch möchte ich mich bei dir bedanken für die Zeit, die du Fine zu dir genommen hast. Du hast geschrieben, dass du hoffst, dass ich die Arbeit schaffe, damit sich die ganze Sache gelohnt hat.

Auch ohne dem war die Zeit nicht umsonst - ganz und gar nicht! Erstens hat Fine eine wunderschöne Zeit bei dir verbracht (sie hat schon gefragt, wann sie wieder mal länger zu dir kommen kann ) und zweitens habe ich nur dadurch die Ruhe und den Abstand gewinnen können, um auf meinen Bauch und mein Herz hören zu können. Ohne dem hätte ich jetzt ziemlich wahrscheinlich auch keine Bachelorarbeit, aber dies wäre Ergebnis meiner Angst gewesen und nicht - wie jetzt - eine selbstbestimmte, eigenverantwortliche Entscheidung und dann hätte ich mir mein Leben lang Vorwürfe gemacht und mit mir und meinem Schicksal des ewigen Versagens gehadert.

 

Nun zu den Gründen, warum ich mich gegen ein gesichertes Einkommen (oder zurzeit überhaupt eins) entschieden habe. Wenn ich zurückblicke, begann es damals wohl mit Papis Tod und den Reaktionen an der FH. Ich blieb damals eine Woche lang Zuhause und als ich wieder die Kraft hatte zur FH zu gehen, musste ich mir Vorwürfe darüber anhören, dass ich mich nicht erkundigt hatte, das ich nur zwei Tage Anspruch auf Sonderurlaub in dem Fall gehabt hätte und ich mich die restliche Woche krankschreiben hätte lassen müssen. Und die Entscheidung, mir das durchgehen zu lassen, wurde mir mit einem Tonfall mitgeteilt, der überdeutlich sagte, dass das meine letzte Chance war und ich in Zukunft keine Menschlichkeit mehr zu erwarten hätte. Und das ist es letztendlich, was mich davon abhält, diesen Weg weiter zu gehen. Ich würde mich dafür entscheiden, eine gesichtslose Sozialversicherungsnummer zu sein und in einem Job zu arbeiten, der mir keinen Spaß macht, weil ich mich entweder maßlos über- oder unterfordert fühle (ein Jahr Praktikumserfahrung). Und auch wenn sich das realitätsfremd und egoistisch anhört: Ich bin kein Mensch, der es schafft, sich Tag für Tag nur des Geldes wegen aus dem Bett und zur Arbeit quälen. Und es mag in unserer heutigen Gesellschaftsordnung normal sein, dass man das trotzdem tut, aber Depressionen und Burnout sind wohl nicht ganz umsonst so weit verbreitet. Das ich oft genug in meinem Leben das Gefühl habe, nicht in diese Welt zu passen, hat ziemlich viel mit meiner fehlenden Bereitschaft zu Kompromissen auf Kosten meines Glücks zu tun. Nur habe ich in den letzten zehn Jahren immer wieder Menschen kennengelernt, denen es ganz genauso geht und die dadurch glücklich geworden sind, dass sie sich eben nicht angepasst haben, sondern sie selbst geblieben und ihren eigenen Weg in ihrem eigenen Tempo gegangen sind.

Vielleicht fragst du dich, wo meine Begeisterung und meine Dankbarkeit für die Chance auf dieses Studium abgeblieben sind, die ich in der Vergangenheit verspürt habe. Die sind noch da, aber ich habe erkannt, was genau meine Begeisterung und die Dankbarkeit hervorgerufen hat. Die Begeisterung rührte daher, dass ich im Studium endlich wieder gefordert wurde und Erfolg hatte. Ich war eine der Besten und habe die Zusammenhänge oft sehr viel schneller erkannt, als die anderen. Es war reine Selbstbestätigung und damit wachsendes Selbstwertgefühl, welches mich aufblühen ließ. Aber all dies ließ spürbar nach, als alles zur Routine wurde und verschwand völlig, als ich im Praktikum aufhörte neues zu lernen und der Alltag begann.

Und die Dankbarkeit? Die ist noch da. Ich bin absolut dankbar für diese Erfahrung, denn ich brauchte dieses Studium und auch das "Scheitern", um mir bewusst werden zu lassen, dass mir finanzielle Sicherheit nicht das gibt, was ich mir erhofft hatte. Ich hatte gehofft, einen Job machen zu können, bei dem ich mich nicht tot mache und durch den ich genügend Zeit und Geld hätte, um mich in meiner Freizeit selbst zu verwirklichen. Ich habe unterschätzt, wie viel Kraft es kostet, sich jeden Tag mit ungeliebten Dingen zu beschäftigen. Wenn ich überlege, wie müde, antriebslos und fertig ich bin - nach nur zwei Jahren (von Papis Tod an gezählt, denn kurz danach tauchten die ersten Symptome auf), dann wird mir schlecht, wenn ich mir vorstelle, dies mein ganzes Leben oder auch nur noch ein paar Jahre weiter machen zu müssen (denn auch darüber habe ich nachgedacht). Mein Körper schreit mich seit zwei Jahren in einer Tour an, dass ich einen Fehler mache. Seitdem habe ich ständige Kopfschmerzen, war zum Teil so müde, dass ich mich keine drei Stunden am Stück wachhalten konnte und manchmal 14-15 Stunden durchgeschlafen habe, nur um danach immer noch nicht richtig wach zu sein.

Wirklich gut ging es mir insbesondere im letzten Jahr nur dann, wenn ich dem Ganzen entfliehen konnte. Dann verschwand der Druck und die damit verbundene Lethargie für einen Moment und ich war wieder ein Stück weit ich selbst. Und das waren auch die Momente, die mir nach und nach gezeigt bzw. erneut gezeigt haben, dass ich nur dann eine gute Mutter für Fine sein kann, wenn ich mir meiner selbst sicher bin. Vor dem Studium habe ich gedacht, dass die finanzielle Sicherheit mir genau dies geben würde - das Studium bzw. das Praktikum haben mir gezeigt, dass dem nicht so ist. Und für diese Erfahrung bin ich definitiv dankbar.

 

Ich weiß, dass die Zukunft nicht einfach wird und ich oft genug wünschen werde, mehr Geld zur Verfügung zu haben, aber gleichzeitig sehe ich seit langem das erste mal wieder mit Zuversicht in die Zukunft. Ich habe mich für die Unsicherheit entschieden und fühle mich sicherer als vorher - so seltsam das klingen mag. Aber vielleicht ist es doch gar nicht so unverständlich. Ich habe mich nun für das Hier und Jetzt entschieden - so wie es  ist und nicht nur als Übergangslösung, sondern als Ausgangspunkt für meinen zukünftigen Weg. Wohin dieser mich führen wird, weiß ich noch nicht so genau. Aber die Möbeltischlerei und -restauration schwirrt mir immer wieder im Kopf herum. Kaum verwunderlich eigentlich - war die Idee doch immer da, dass ich eben genau dies mit dem Geld aus dem Beamtenleben in meiner Freizeit verwirklichen wollen würde. Dann versuche ich diesen Weg jetzt eben direkt und ohne Umwege zu erreichen. Und vielleicht nimmst du Sophia dann nochmal zu dir, wenn ich an meinem Gesellen- oder Meisterstück arbeite, anstatt eine Master Thesis über irgendein Thema zu schreiben, dass vielleicht sogar wichtig ist, aber niemals die richtigen Leute interessieren wird. Aber das ist Zukunftsmusik und wer weiß, wohin es mich wirklich verschlägt. Nun muss ich erstmal das Chaos ordnen, welches ich mir in den letzten zwei Jahren selbst geschaffen habe.  Sprich, ich muss mir erstmal den Weg freischaufeln, bevor ich ihn beschreiten kann. Ich muss mich mit Dingen konfrontieren, vor denen ich monatelang weggelaufen bin, aber das erste Mal seit langem habe ich keine Angst mehr davor.

 

Das ist es im Großen und Ganzen, was ich dir sagen wollte und wenn ich überlege, wie lange ich nun an diesen Zeilen gesessen habe, war es wohl eine gute Idee, dies nicht in einem Telefonat abhandeln zu wollen. Ich bin sehr gespannt auf deine Reaktion. Ich habe dich in den letzten anderthalb und insbesondere im letzten Jahr sehr aus meinem Leben ausgeschlossen. Dies ist nicht nur "Beichte" (im Sinne von Bericht, denn deinen Segen suche ich nicht), sondern auch ein Angebot auf Annäherung. Ich habe gemerkt, dass es mir wichtig ist, dass du weißt, warum ich so handle und ich sehr viel lieber wieder die Möglichkeit hätte, mich mit dir auszutauschen, anstatt einfach mein Ding durchzuziehen. Das war zwar auch nötig, damit ich aus lauter Rechtfertigungszwang nicht Argumente mit meinem Willen verwechsle, und es hat nicht nur dich, sondern so ziemlich alle in meinem Leben getroffen, aber nun, wo ich meine Entscheidung gefällt habe, spüre ich eben auch den Wunsch nach Akzeptanz. Die bisherigen Reaktionen waren bisher deutlich positiver, als ich erwartet habe und das, obwohl ich bisher nur dir eine so ausführliche Erläuterung gegeben habe. Trotzdem ist mir deine Reaktion sehr wichtig - vielleicht wichtiger, als die eines jeden anderen. Gerade weil ohne dich dies hier gar nicht möglich gewesen wäre und es zu einem großen Teil mein Miterleben deiner Lebensgeschichte war, was mich vor einem fundamentalen Fehler gerettet hat. Dafür danke ich dir!

 

Alles Liebe

24.10.13 18:45
 


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