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Warten

Sie lächelte still in sich hinein – versunken in der Erinnerung an Samstagnacht. Sie kannte ihn seit mehreren Jahren, auch wenn sie sich nur dann und wann auf einer Party begegnet waren. Letztes Jahr war ihr das erste Mal aufgefallen, dass sie auf dieses ganz bestimmte Lächeln von ihm wartete. Jenes, wenn er sie auf eine andere Art ansah, als er es bei anderen Frauen tat und bei dem sie sich jedes Mal unwillkürlich fragte, ob es vielleicht doch mehr bedeuten könnte, als rein freundschaftliches Flirten und Necken. Sie überlegte, wann sie das erste Mal den Gedanken gehabt hatte, dass sie den einen oder anderen derben Spruch von ihm in Realität verwandeln wollen würde und konnte sich nicht daran erinnern. Wenn damals ihre Fantasie drohte zu sehr mit ihr durch zu gehen, dachte sie selbstironisch „Hormone!“ und schalt sich ob ihrer Gedanken, die sich ohne jegliches Zutun doch immer wieder in ihren Kopf schlichen. Dabei brachte er doch die gleichen Sprüche auch bei den anderen Frauen – oder nicht? Und war dieses gewisse Glitzern in seinen Augen nicht vielleicht doch lediglich Anerkennung für besonders gelungene Kontersprüche, mit denen sie regelmäßig auch gestandenen Männern die Röte ins Gesicht trieb? Und sucht er sich bewusst öfter mal den Platz neben ihr aus oder geschah dies völlig ohne Hintergedanken? Wie hätte sie das auch rausfinden sollen? Wenn man im Pulk und gut angetrunken zusammen an einem Tisch sitzt oder gerade draußen ‘ne Raucherpause macht? Seit man in den meisten Kneipen nicht mehr drinnen rauchen durfte, war es um einiges schwieriger geworden sich abzusondern. Immer wenn man Anstalten machte eine rauchen zu gehen, sprang gleich der halbe Tisch mit auf. Und Übelkeit vorzutäuschen, damit er vielleicht mit ihr draußen bleiben würde, war unter ihrer Würde. Sich etwas mehr betrunken zu geben, als sie wirklich war und sich dann mal an ihm festzuhalten oder sich kurz gegen ihn zu lehnen, war das Höchste, was sie sich erlaubt hatte und er hatte sie gewähren lassen, aber das hatte ja nun auch wieder nichts zu bedeuten.

„Du bist halt so ein Kumpeltyp.“, hatte sie nicht nur einmal gehört.

Einer (der ihr gerade erzählt hatte, dass er sich nicht in sie, sondern in ihre Schwester verliebt hatte) hatte diese Aussage noch genauer definiert: „Du bist so ein Typ Frau, mit dem man sich unterhalten kann ohne gleich an Sex zu denken.“ – sie wusste nicht, ob sie sich über dieses durchaus ernst gemeinte Kompliment ihres Bekannten freuen sollte oder nicht. Klar legte sie Wert darauf nicht nur als Objekt betrachtet zu werden, aber sie würde auch lieber diese gewisse Mischung aus smart & sexy hinkriegen wollen.

Es gab nur drei Kategorien Männer, die sie vehement und sehr zu ihrem Leidwesen anzog. Typ 1: Die Ficker, die alles mit Titten in das nächste Bett oder auf die nächste öffentliche Toilette zehrten. Typ 2: Die Psychos, die sich sofort unsterblich in sie verliebten, nur weil sie ihnen fünf Minuten ein offenes Ohr geschenkt hatte. Und Typ 3: Die Junggebliebenen, die vor zwanzig bis dreißig Jahren mal in Kategorie 1 gehört hatten und nicht akzeptieren konnten, dass ihnen die jugendliche Leichtigkeit des Seins schon lange nicht mehr so recht stehen wollte. Bei allen anderen blieb sie halt die, mit der man Pferde stehlen konnte und die fast jeden frivol-verbalen Schlagabtausch gewann.

Sie hatte schon als Jugendliche festgestellt, dass Männer zwar gerne große Töne spuckten – so nach dem Motto: „Ey, ich hab der und der meinen Schwanz in das und das Loch gesteckt!“ und dann grölen alle anerkennend – aber für detaillierten Beschreibungen, die über „Boah, war die geil/hatte die große Möpse/war ihr Loch eng/konnte die geil blasen!“ hinausgehen, schien ein Rudel Männer keinen ausreichend großen, gemeinsamen Wortschatz zu haben. Sie konnte sich noch zu gut an das Gesicht ihres besten Freundes erinnern, als sie ihn das erste Mal zu ‘nem typischen Mädels-Abend mitgenommen hatte. Erst war ihm die Kinnlade runter geklappt, gepaart mit einem ungläubigen Blick, der sich in  dem Moment in Entsetzen verwandelte, als ihm aufging, dass seine Freundin, ziemlich wahrscheinlich, die gleichen intimen Details über deren Sexualleben vor ihren Freundinnen enthüllen würde.

Das Wissen darüber, dass die meisten Männer doch nicht so freizügig sind, wie sie gerne von sich glauben würden und ein untrüglicher Sinn für die richtige Strategie und Wortwahl hatte ihr bis heute den einen oder anderen Vorteil gesichert, wenn mal wieder ein Mann meinte, sich vor seinen Kumpels mit eindeutig-zweideutigen Sprüchen profilieren zu wollen. Sie alle waren danach mit eingeklemmten Schwanz und angeknacksten Stolz ihre Wunden lecken gegangen. Problematisch wurde es erst dann, wenn sie jemanden mochte. Sie wusste einfach nicht, wie man es hinbekam, dass man gleichzeitig cool und sexy, aber eben auch einfühlsam und sinnlich wirkte. Wenn klar war, dass es nur um Sex gehen würde, wusste sie welche Knöpfe sie drücken musste, aber sobald sie unsicher wurde, ob sie nicht doch mehr für denjenigen empfinden könnte, war es aus mit ihrer Coolness und sie verwandelte sich in ein hirnloses Mäuschen – Gott, wie sich selbst dafür hasste! Den Abend allerdings war es noch nicht soweit gewesen. Sie war cool, locker und selbstbewusst und hatte ‘ne Menge Spaß. Allerdings unternahm P wieder keinen eindeutigen Versuch, sich mit ihr abzusondern. Außerdem war da noch Heiko – ihr ehemaliger Abteilungsleiter aus einer Cateringfirma, bei der sie mal ‘ne Weile gejobbt hatte, sowie Kumpel und - mittlerweile auch - Abteilungsleiter von P.

Heiko war immer mit von der Partie und hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht P davon abzuhalten alleine Spaß zu haben. Er hielt stur an dem irgendwann mal im Vollrausch geschlossenen Pakt fest, dass sie mal zusammen eine Frau ficken würden, auch wenn sein Aussehen dies niemals Realität werden lassen würde, außer er würde dafür bezahlen. Heiko gehört aber leider zu den Menschen, die anderen ihren Stich nicht gönnten, wenn klar war, dass er selbst keinen landen würde – umso überraschter war sie gewesen, als er ankündigte, dass er nach diesem Joint abhauen würde. Zu dem Zeitpunkt war aus einer Nackenmassage schon mehr oder minder heimliches Fummeln mit P geworden. Sie hatte noch nicht mal auf den sorgfältig zu Recht gelegten Spruch zurückgreifen müssen, mit dem sie ursprünglich seine Absichten abklopfen wollte…

Eigentlich war sie gerade dabei gewesen die Party zu verlassen, weil P schon eine ganze Weile verschwunden war und die übrige Auswahl nicht gerade Lust auf einen spontanen one-night-stand machte, als sie das Licht in der Garage entdeckte. Neugierig wie sie ist, war sie nach einem kurzen vorsichtigen Blick um die Ecke einfach zur Tür hereinspaziert und hatte Heikos pantomimische Meisterleistung mit der Bedeutung: „Verpiss dich!!!“  mit einem leicht hämischen: „Stör ich?!“ gekontert, da sie Ps Stimme aus dem Nebenraum hörte. Danach hatte sie es sich auf der Hollywoodschaukel bequem gemacht, um dem Impro-Theater seinen Lauf zu lassen. Da kamen auch schon P und eine Mieze mit schlecht überschminkter Akne und in weißen (!!!) Stiefeln herein – Gott, wie verzweifelt musste Heiko eigentlich sein?! Mit einem (sensationell gut geschauspielerten) peinlich-berührten: „Soll ich später wieder kommen?“, das niemand, aber auch wirklich niemand mit einem „Ja!“ beantworten würde, der gerade versucht eine Schnalle abzuschleppen, sicherte sie sich den Abgang ihrer Konkurrentin, die ja „eh gerade wieder nach oben gehen“ wollte.

P schien sogar erleichtert zu sein und fläzte sich neben sie auf die Hollywoodschaukel. Als er sich gerade auf seinem linken Ellenbogen aufstützen wollte, verzog er schmerzhaft das Gesicht und murmelte irgendwas von: „… letzte Nacht irgendwie verlegen..“ Die Vorlage ließ sie sich nicht entgehen und bot ihm eine semi-professionelle Schulter- und Nackenmassage an, die er wiederum dankbar annahm. Gott sei Dank ist es ja allgemein bekannt, dass man besser massieren kann, wenn keine störende Kleidungsschicht dazwischen ist und so kam sie in den Genuss seine muskulösen Schultern aus nächster Nähe bewundern zu dürfen. Nebenbei wies sie Heiko verbal in seine Schranken, der sie nun offensichtlich als Ersatz für die eben abgedampfte Ficke auserkoren hatte. Unfassbar, dass er immer noch nicht kapiert hatte, dass sie sich nicht für seinen erhofften Dreier zur Verfügung stellen würde, dabei hatte sie ihm schon vor einem Jahr deutlich gesagt, dass sie sich nicht zu einer Drei-Loch-Stute degradieren lassen würde.

Da sie und P die Hollywoodschaukel in Beschlag nahmen, lungerte Heiko an der Werkbank rum. Als sie sich mal wieder vor lauter Lachen an Ps Rücken lehnte (weil sie dabei ganz nebenbei ihre Brüste an seinen Rücken pressen konnte), drehte dieser sich halb herum und verharrte so dicht mit seinem Gesicht vor dem ihrem, dass ihre Münder nur noch Millimeter voneinander entfernt waren und sah ihr provozierend in die Augen. Wäre Heiko nicht dagewesen, hätte sie ihn in diesem Augenblick mit Haut und Haaren gefressen, aber dieser machte sich natürlich genau in diesem Augenblick wieder bemerkbar. Da er aber gerade mit dem Rücken zu ihnen stand, sah er nicht, wie sie Ps Lippen mit den ihren streifte, während sie ihn zum gerade sitzen aufforderte, damit sie ihn weiter massieren könne, nur um ihn dann flüchtig zwischen die Schulterblätter zu küssen. Naja, und von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu wilden Küssen und verstohlenem Fummeln gewesen, sobald Heiko ihnen den Rücken zu kehrte…

Als P mit deutlich sichtbarer Beule in der Hose nochmal kurz zum Klo verschwand, schien Heiko endlich kapiert zu haben, dass die Party ohne ihn steigen würde und zog schmollend ab. Das war die Gelegenheit – schnell entledigte sie sich ihres Slips und drapierte sich in einer betont lässigen Pose auf die Hollywoodschaukel. Leider fiel ihr sofort auf, wie bemüht das aussehen würde und während sie verschiedene Positionen durchprobierte, überlegte sie fieberhaft wo die Kippenschachtel mittlerweile gelandet sein könnte. P kam in dem Augenblick herein, in welchem sie diese gerade entdeckt hatte und sich triumphierend auf sie stürzte. Jede Frau kennt diese Situation, in denen man noch schnell die Schminkreste unter den Augen in smokey eyes verwandelt/die Haare zu einer sexy Mähne verwuschelt/mit vorgehaltener Hand den Atem oder aber die Zuverlässigkeit des Deo-Sprays kontrolliert und dann versucht diese wenig erotisch anmutende Geste in eine möglichst grazile und vorteilhafte Pose oder Bewegung umzumünzen… Gleiches versuchte sie nun mit dem Hechtsprung Richtung Kippenschachtel, lies ihn aber vorsichtshalber ein wenig länger als unbedingt nötig ihren Hintern betrachten, während sie nach der Schachtel angelte. Sie zündete erst ihm und dann sich selbst eine Zigarette an und machte es sich dann wieder auf der Schaukel bequem. Nebenbei wies sie ihn genauestens an, wie er ihren Drink mixen sollte, während sie fieberhaft überlegte, wie sie diesen Moment überbrücken und an der Stelle weitermachen könnten, an der sie vorher aufgehört hatten. In diesem Moment kam P mit den fertigen Drinks rüber und fragte sie auf den Cocktail bezogen, ob sie eigentlich auch mal das Ruder aus der Hand geben würde, was sie mit einem durchaus ernstgemeinten „Nein!“ quittierte, während sie die eben erst angesteckte Zigarette im Aschenbecher ausdrückte.

Dann nahm sie ihm die beiden Gläser aus seiner Hand, stellte sie auf dem Tisch, nahm die Zigarette aus seinem Mundwinkel, schnipste sie aus dem Fenster und zog seinen Kopf unterdessen mit der anderen Hand zu sich…

 

An dieser Stelle merkte sie, dass die in einsamen Nächten erprobten und bewährten Handgriffe diesmal nicht funktionierten. Die taktlose Stille, die von ihrem Handy ausging, dröhnte in ihren Ohren, während sie verzweifelt versuchte das Bild in ihrem Kopf festzuhalten – erfolglos… Genauso erfolglos, wie sie seit Tagen immer wieder versuchte sich selbst davon zu überzeugen, dass sie nicht auf seinen Anruf warten würde, während sie gleichzeitig Staub wischte (das erste Mal seit ihre Mutter vor ein paar Monaten zu Besuch gewesen war), ihren Herd von innen saubermachte (das erste Mal seit über einem Jahr) und die Türen ihrer Duschkabine putzte (das erste Mal seit ihrem Einzug) und dabei überrascht feststellte, dass diese gar nicht aus Milchglas bestanden.

Wie hatte es eigentlich soweit kommen können? Ihr Plan war lediglich gewesen, dass sie den Abend ein bisschen Spaß miteinander haben würden und sie bei Gefallen ja noch das ein oder andere Mal auf ihn zurückgreifen könne, falls sie sich mal wieder über den Weg laufen würden – und dann hatte er sie nach dem Sex gefragt, ob er ihre Nummer haben könne und ob sie etwas dagegen hätte, wenn er mal langkommen würde, um das hier zu wiederholen und sie war einverstanden gewesen.

Seitdem wanderte sie durch ihre Wohnung und überlegte, wo und wie sie es überall mit ihm treiben würde, sobald er durch die Tür käme. Oder sollte sie lieber sagen, FALLS er durch diese Tür käme? So cool, wie sie dachte, war sie nämlich scheinbar dann doch nicht. Das Problem war auch gar nicht, wann, sondern OB er anrufen würde… Da konnte sie sich zigmal vorhalten, dass ER ja nach IHRER Nummer gefragt hatte, denn genauso oft fiel ihr ein, dass er ihr nicht im Gegenzug seine Nummer gegeben hatte. Die eingeübte Coolness hatte verhindert, dass sie ihn danach fragen konnte und erst recht, dass sie ihn darum bitten hätte können, dass er auch Bescheid sagen solle, wenn er sich dagegen entscheiden würde. Nun saß sie seit Tagen, wie auf Kohlen und fragte sich, warum sie ihm überhaupt die Nummer gegeben hatte. In vergleichbaren Situationen hatte sie höflich, aber bestimmt: „Nein.“ gesagt oder aber bei besserem Sex den Typen ein Nein-aber-wenn-wir-uns-wiedersehen-können-wir-es-gerne-nochmal-treiben angeboten. Bei P hatte sie gegen eins ihrer fundamentalsten Prinzipien verstoßen und ihn zu sich nach Hause eingeladen und sie wusste nicht, ob das nun wirklich nur an dem fürs-erste-Mal-verdammt-guten Sex lag, den sie miteinander gehabt hatten. Zwischenzeitlich redete sie sich selbst ein, dass er sie nur in einem sentimentalen, hormongesteuerten, sprich ungünstigen Moment erwischt hatte (es war genau der Moment, in dem man noch dem eben Erlebten nachhängt und sich noch nicht nach seiner Unterwäsche umguckt) aber gleichzeitig wusste sie, dass sie sich damit nur selbst anlog. Ebenso wusste sie aber auch, dass sie bis zu dem Zeitpunkt seiner Frage nicht ein Quäntchen in ihn verliebt gewesen war. Sie mochte ihn, weil man sich mit ihm gut unterhalten konnte, wenn man mal ‘ne ruhige Minute mit ihm fand und sie fand ihn sexuell anziehend, aber verliebt war sie definitiv nicht. Wäre sie es gewesen, wäre sie nämlich schnurstracks zu einer schüchternen Zwölfjährigen mutiert und die hätte ihm garantiert nicht die Hand in die Hose gesteckt. Wie auch immer – ganz sicher war, dass sie sich gefreut hatte, als er ihr beim Abschied nochmal zuflüsterte, dass er sich melden würde und ihre Hand gedrückt hatte.

 

Sogar die obligatorische Falls-du-wieder-kommst-gibt-es-da-ein-paar-grundsätzliche-Dinge-zu-regeln-Rede hatte sie in ihrem Kopf schon vorbereitet. Sie hatte einmal erlebt, wie ein Typ nach dem zweiten Date und ohne jemals mit ihr Sex gehabt zu haben, seiner Mutter am Telefon erzählte, dass seine „neue Freundin gerade da ist und sie nachher noch etwas miteinander unternehmen wollen, sie aber gerne morgen bestimmt gerne zu einer Tasse Kaffee rüberkommen würden“. Seitdem war sie eindeutig für eine klare Absprache am Ende des zweiten Treffens - damit unkomplizierte Dinge unkompliziert bleiben konnten und man insgesamt schon mal grob die Vorstellungen des Gegenübers ausloten konnte. Sie wollte den Männern auch später noch in die Augen gucken können und wenn sich peinliche Situationen a la „Nein, ich möchte dich nicht anpinkeln!“ irgendwie vermeiden ließen, dann war sie wirklich dankbar dafür. Und nun, wo sie P mit der Einladung zu sich nach Hause näher an sich rangelassen hatte, als irgendeinen anderen Typen in den letzten vier Jahren, legte sie besonders viel Wert darauf, dass sie überhaupt die Möglichkeit zu diesem Gespräch bekommen würde.

 

Vielleicht war das ja doch nur die beginnende Torschuss-Panik, die ihr ihre Freunde in Anbetracht des Klassentreffens nächstes Jahr vorausgesagt hatten? Aber nur weil sie grade dank ihres Wechsels von StudiVZ zu Facebook rausgefunden hatte, wie viele ihrer ehemaligen Schulkameraden schon verlobt, verheiratet oder zumindest in einer langjährigen Beziehung waren, bedeutete das doch noch lange nicht, dass sie jetzt auch unbedingt einen Freund haben wollte. Sie war schon immer lieber ein überzeugter Single gewesen, anstatt sich von einem mittelmäßigen Typen zum nächsten zu hangeln, nur um nicht Beziehungsstatus „Single“ in diversen online-Foren angeben zu müssen. Außerdem konnte man auch so Spaß haben und manchmal hatte sie den Eindruck, dass sie öfter Sex hatte, als ihre Freundinnen, die in festen Händen waren, obwohl sie nicht gerade ständig auf Männerfang ging; halt nur dann, wenn ihr der Orgasmus den sie sich mit ihren Händen und dem Vibrator verschaffte nicht die gewünschte Befriedigung mit sich brachte. Seitdem sie mit P Sex gehabt hatte, war das allerdings der Normalzustand geworden. Die ersten zwei Tage war alles wie immer, am dritten, vierten und fünften Tag hatte sie zwar noch einen Orgasmus, aber gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie lieber P in sich gespürt hätte und heute dann hatte alles nix mehr geholfen. Nun lag der Vibrator vorwurfsvoll neben ihr und sie fing an sich für sich selbst zu schämen. Blöder Arsch, der!!! Dabei wusste sie genau, dass die Cateringfirma in der Saison alle Hände voll zu tun hatte. Wieso wurmte es sie dann so sehr, dass er sich partout nicht meldete? Den Zettel mit der Nummer konnte er zwar verloren haben, aber dafür, dass das eine gute Ausrede hätte sein können, hatten sie zu viele gemeinsame Bekannte. Wie gesagt, hatte sie ja mal bei der gleichen Firma gearbeitet und war noch mit dem ein oder anderen befreundet. Und auch wenn sie sich beide einig waren, dass sie kein Bock auf Gerede haben, wäre es ein Leichtes irgendeine Ausrede zu finden, um ihre Nummer zu kriegen.

 

War eine kurze SMS zu viel verlangt? Nur so eine Bestätigung, dass er ihre Nummer eingespeichert hat und sich bei ihr melden wird, sobald sein Arbeitsplan das zulässt. Oder musste sie sich mit dem geflüsterten Versprechen zum Abschied begnügen? Würde er sich nur bei ihr melden, wenn er mal wieder dicke Eier hätte und gerade zufällig in der Nähe wäre oder dachte er auch gerade an sie – vielleicht sogar ohne dabei seinen Penis in der Hand zu halten? Heute - an Tag sechs - war sie schon bereit gewesen ihn zu verteufeln, aber dann war ihr eingefallen, dass er erwähnt hatte, dass er in Berlin wohne und da sie peinlicherweise schon an Tag zwei Tante Google gefragt hatte, wusste sie, dass die Aufträge der Cateringfirma in dieser Saison nicht mehr näher als knappe anderthalb Stunden von ihr entfernt lagen. Beides muss ihm bewusst gewesen sein, als er nach ihrer Nummer fragte und trotzdem wollte er sie besuchen kommen.

 

Alles Grübeln half nix… Ihre Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis und sie würde erst dann Gewissheit haben, wenn sie ihn das nächste Mal wieder sah. ‚Wann das wohl sein würde? – Ach, Schluss jetzt!!‘ Sie beschloss nochmal Duschen zu gehen, da sie grade eh nicht mehr schlafen konnte. Sie drehte das Wasser so heiß auf, dass es grad so noch erträglich war und ließ das Wasser die nächsten Minuten einfach nur über sich  fließen, bis es alle unangenehmen Gedanken und Selbstzweifel weggespült hatte.

 

Als sie sich gerade mit dem Duschkopf selbst befriedigte, überhörte sie das Klingeln ihres Handys, als ein „unbekannter Teilnehmer“ versuchte sie anzurufen…

20.8.11 19:12


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Hier bin ich - ich bin Hier

Ich habe bis vor kurzem (Herbst 2013) Öffentliche Verwaltung für den gehobenen Dienst (welcher nicht mehr so heißt, aber wer weiß schon was mit Laufbahngruppe und Einstiegsamt anzufangen) studiert und nachdem ich bei dem ersten Versuch, meine Bachelorarbeit zu schreiben, völlig zusammengebrochen bin, habe ich vor einer Woche den zweiten Versuch abgebrochen und mich damit gegen die Beendigung des Studiums entschieden. Dies ist die E-mail, die ich meiner Mutter geschrieben habe:

 

 

Hey Mom,

ich schreibe dir dies, weil ich nicht weiß, ob ich bei einem Telefonat das gesagt bekomme, was ich möchte oder du in dem Augenblick, in dem ich mich dazu entschließe anzurufen, überhaupt die Zeit und den Sinn dafür hast, mir zuzuhören.

Ich werde mein Studium nicht beenden. Ich weiß, dass das völlig unlogisch erscheint so kurz vorm Abschluss, aber jetzt habe ich die Kraft aufzuhören und die Möglichkeit dazu. Ich glaube, mit dem Abschluss in der Tasche und einem Jobangebot im Briefkasten könnte ich die Entscheidung nicht mehr treffen. Ich will mich aber nicht den Erwartungen der Welt beugen müssen und es fällt mir (aufgrund der Verantwortung gegenüber Fine) so schon schwer genug meinen Bauch überhaupt zu und gar erst auf ihn zu hören, weil der Kopf in einer Tour rumbrüllt.

 

Ich weiß nicht, ob du meine Beweggründe verstehen wirst, aber ich will dir zumindest die Chance dazu geben und dich damit wieder ein Stück mehr in mein Leben lassen, denn deine Worte bei einem unserer Telefonate und meine Reaktion darauf waren es letztendlich, die mir die Gelegenheit dazu gegeben haben, diese Möglichkeit (Abbruch des Studiums) überhaupt in Betracht zu ziehen. Du wirst dich noch daran erinnern können, als du mich vor ein paar Wochen gefragt hast, ob ich schon mal darüber nachgedacht habe, ob meine Schreibblockade vielleicht daher rühren könnte, dass ich das alles gar nicht will, und ich habe dich angebrüllt, dass du aufhören sollst und dann aufgelegt. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt diesen Gedanken nicht zulassen, weil ich dieses Studium doch wegen meines Kindes angefangen habe und ein Aufgeben bedeutet hätte, dass ich auch als Mutter versagt habe. Vielleicht verstehst du, wie kein anderer, wie es ist, wenn man Entscheidungen aus der Verantwortung einem anderen gegenüber trifft und den Weg weiterstolpert, auf den man irgendwie geraten ist. Du hast dir erst mit Mitte/Ende Dreißig eingestehen können, dass du so nicht weiter machen kannst und deinen eigenen Weg gehen musst. Vielleicht war dein Zusammenbruch damals nötig, um mich vor selbigem in meiner Zukunft zu bewahren.

 

Auch möchte ich mich bei dir bedanken für die Zeit, die du Fine zu dir genommen hast. Du hast geschrieben, dass du hoffst, dass ich die Arbeit schaffe, damit sich die ganze Sache gelohnt hat.

Auch ohne dem war die Zeit nicht umsonst - ganz und gar nicht! Erstens hat Fine eine wunderschöne Zeit bei dir verbracht (sie hat schon gefragt, wann sie wieder mal länger zu dir kommen kann ) und zweitens habe ich nur dadurch die Ruhe und den Abstand gewinnen können, um auf meinen Bauch und mein Herz hören zu können. Ohne dem hätte ich jetzt ziemlich wahrscheinlich auch keine Bachelorarbeit, aber dies wäre Ergebnis meiner Angst gewesen und nicht - wie jetzt - eine selbstbestimmte, eigenverantwortliche Entscheidung und dann hätte ich mir mein Leben lang Vorwürfe gemacht und mit mir und meinem Schicksal des ewigen Versagens gehadert.

 

Nun zu den Gründen, warum ich mich gegen ein gesichertes Einkommen (oder zurzeit überhaupt eins) entschieden habe. Wenn ich zurückblicke, begann es damals wohl mit Papis Tod und den Reaktionen an der FH. Ich blieb damals eine Woche lang Zuhause und als ich wieder die Kraft hatte zur FH zu gehen, musste ich mir Vorwürfe darüber anhören, dass ich mich nicht erkundigt hatte, das ich nur zwei Tage Anspruch auf Sonderurlaub in dem Fall gehabt hätte und ich mich die restliche Woche krankschreiben hätte lassen müssen. Und die Entscheidung, mir das durchgehen zu lassen, wurde mir mit einem Tonfall mitgeteilt, der überdeutlich sagte, dass das meine letzte Chance war und ich in Zukunft keine Menschlichkeit mehr zu erwarten hätte. Und das ist es letztendlich, was mich davon abhält, diesen Weg weiter zu gehen. Ich würde mich dafür entscheiden, eine gesichtslose Sozialversicherungsnummer zu sein und in einem Job zu arbeiten, der mir keinen Spaß macht, weil ich mich entweder maßlos über- oder unterfordert fühle (ein Jahr Praktikumserfahrung). Und auch wenn sich das realitätsfremd und egoistisch anhört: Ich bin kein Mensch, der es schafft, sich Tag für Tag nur des Geldes wegen aus dem Bett und zur Arbeit quälen. Und es mag in unserer heutigen Gesellschaftsordnung normal sein, dass man das trotzdem tut, aber Depressionen und Burnout sind wohl nicht ganz umsonst so weit verbreitet. Das ich oft genug in meinem Leben das Gefühl habe, nicht in diese Welt zu passen, hat ziemlich viel mit meiner fehlenden Bereitschaft zu Kompromissen auf Kosten meines Glücks zu tun. Nur habe ich in den letzten zehn Jahren immer wieder Menschen kennengelernt, denen es ganz genauso geht und die dadurch glücklich geworden sind, dass sie sich eben nicht angepasst haben, sondern sie selbst geblieben und ihren eigenen Weg in ihrem eigenen Tempo gegangen sind.

Vielleicht fragst du dich, wo meine Begeisterung und meine Dankbarkeit für die Chance auf dieses Studium abgeblieben sind, die ich in der Vergangenheit verspürt habe. Die sind noch da, aber ich habe erkannt, was genau meine Begeisterung und die Dankbarkeit hervorgerufen hat. Die Begeisterung rührte daher, dass ich im Studium endlich wieder gefordert wurde und Erfolg hatte. Ich war eine der Besten und habe die Zusammenhänge oft sehr viel schneller erkannt, als die anderen. Es war reine Selbstbestätigung und damit wachsendes Selbstwertgefühl, welches mich aufblühen ließ. Aber all dies ließ spürbar nach, als alles zur Routine wurde und verschwand völlig, als ich im Praktikum aufhörte neues zu lernen und der Alltag begann.

Und die Dankbarkeit? Die ist noch da. Ich bin absolut dankbar für diese Erfahrung, denn ich brauchte dieses Studium und auch das "Scheitern", um mir bewusst werden zu lassen, dass mir finanzielle Sicherheit nicht das gibt, was ich mir erhofft hatte. Ich hatte gehofft, einen Job machen zu können, bei dem ich mich nicht tot mache und durch den ich genügend Zeit und Geld hätte, um mich in meiner Freizeit selbst zu verwirklichen. Ich habe unterschätzt, wie viel Kraft es kostet, sich jeden Tag mit ungeliebten Dingen zu beschäftigen. Wenn ich überlege, wie müde, antriebslos und fertig ich bin - nach nur zwei Jahren (von Papis Tod an gezählt, denn kurz danach tauchten die ersten Symptome auf), dann wird mir schlecht, wenn ich mir vorstelle, dies mein ganzes Leben oder auch nur noch ein paar Jahre weiter machen zu müssen (denn auch darüber habe ich nachgedacht). Mein Körper schreit mich seit zwei Jahren in einer Tour an, dass ich einen Fehler mache. Seitdem habe ich ständige Kopfschmerzen, war zum Teil so müde, dass ich mich keine drei Stunden am Stück wachhalten konnte und manchmal 14-15 Stunden durchgeschlafen habe, nur um danach immer noch nicht richtig wach zu sein.

Wirklich gut ging es mir insbesondere im letzten Jahr nur dann, wenn ich dem Ganzen entfliehen konnte. Dann verschwand der Druck und die damit verbundene Lethargie für einen Moment und ich war wieder ein Stück weit ich selbst. Und das waren auch die Momente, die mir nach und nach gezeigt bzw. erneut gezeigt haben, dass ich nur dann eine gute Mutter für Fine sein kann, wenn ich mir meiner selbst sicher bin. Vor dem Studium habe ich gedacht, dass die finanzielle Sicherheit mir genau dies geben würde - das Studium bzw. das Praktikum haben mir gezeigt, dass dem nicht so ist. Und für diese Erfahrung bin ich definitiv dankbar.

 

Ich weiß, dass die Zukunft nicht einfach wird und ich oft genug wünschen werde, mehr Geld zur Verfügung zu haben, aber gleichzeitig sehe ich seit langem das erste mal wieder mit Zuversicht in die Zukunft. Ich habe mich für die Unsicherheit entschieden und fühle mich sicherer als vorher - so seltsam das klingen mag. Aber vielleicht ist es doch gar nicht so unverständlich. Ich habe mich nun für das Hier und Jetzt entschieden - so wie es  ist und nicht nur als Übergangslösung, sondern als Ausgangspunkt für meinen zukünftigen Weg. Wohin dieser mich führen wird, weiß ich noch nicht so genau. Aber die Möbeltischlerei und -restauration schwirrt mir immer wieder im Kopf herum. Kaum verwunderlich eigentlich - war die Idee doch immer da, dass ich eben genau dies mit dem Geld aus dem Beamtenleben in meiner Freizeit verwirklichen wollen würde. Dann versuche ich diesen Weg jetzt eben direkt und ohne Umwege zu erreichen. Und vielleicht nimmst du Sophia dann nochmal zu dir, wenn ich an meinem Gesellen- oder Meisterstück arbeite, anstatt eine Master Thesis über irgendein Thema zu schreiben, dass vielleicht sogar wichtig ist, aber niemals die richtigen Leute interessieren wird. Aber das ist Zukunftsmusik und wer weiß, wohin es mich wirklich verschlägt. Nun muss ich erstmal das Chaos ordnen, welches ich mir in den letzten zwei Jahren selbst geschaffen habe.  Sprich, ich muss mir erstmal den Weg freischaufeln, bevor ich ihn beschreiten kann. Ich muss mich mit Dingen konfrontieren, vor denen ich monatelang weggelaufen bin, aber das erste Mal seit langem habe ich keine Angst mehr davor.

 

Das ist es im Großen und Ganzen, was ich dir sagen wollte und wenn ich überlege, wie lange ich nun an diesen Zeilen gesessen habe, war es wohl eine gute Idee, dies nicht in einem Telefonat abhandeln zu wollen. Ich bin sehr gespannt auf deine Reaktion. Ich habe dich in den letzten anderthalb und insbesondere im letzten Jahr sehr aus meinem Leben ausgeschlossen. Dies ist nicht nur "Beichte" (im Sinne von Bericht, denn deinen Segen suche ich nicht), sondern auch ein Angebot auf Annäherung. Ich habe gemerkt, dass es mir wichtig ist, dass du weißt, warum ich so handle und ich sehr viel lieber wieder die Möglichkeit hätte, mich mit dir auszutauschen, anstatt einfach mein Ding durchzuziehen. Das war zwar auch nötig, damit ich aus lauter Rechtfertigungszwang nicht Argumente mit meinem Willen verwechsle, und es hat nicht nur dich, sondern so ziemlich alle in meinem Leben getroffen, aber nun, wo ich meine Entscheidung gefällt habe, spüre ich eben auch den Wunsch nach Akzeptanz. Die bisherigen Reaktionen waren bisher deutlich positiver, als ich erwartet habe und das, obwohl ich bisher nur dir eine so ausführliche Erläuterung gegeben habe. Trotzdem ist mir deine Reaktion sehr wichtig - vielleicht wichtiger, als die eines jeden anderen. Gerade weil ohne dich dies hier gar nicht möglich gewesen wäre und es zu einem großen Teil mein Miterleben deiner Lebensgeschichte war, was mich vor einem fundamentalen Fehler gerettet hat. Dafür danke ich dir!

 

Alles Liebe

24.10.13 18:45


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